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Die Toleranz
Der Adler hielt auf der bereiften Spitze
Des himmelhohen Kaukasus
Sein Parlament. Er legte seine Blitze
Voll Huld zu seines Thrones Fuß,
Und wog den Großen und dem Volke
Das Recht in ebnen Schalen aus.
Da fuhr, gleich einem Strahl aus einer Donnerwolke,
Ein Habicht in das Oberhaus.
Er hielt ein fremdes Tier in seinen Krallen;
Es war ein alter Kakadu,
Der Indostan verließ, um durch die Welt zu wallen.
Sir! rief dem Schach der Schnapphahn zu:
Hier ist ein arger Wicht, der dir dein Erzamt raubet,
Ein Philosoph, der den Olymp zerstört,
Der keinen Zeus und keinen Pluto glaubet,
Und nur bei seinem Brahma schwört:
Ja, was noch ärger ist, er macht sich ein Gewissen,
Die Kost, die meinen König nährt,
Das Fleisch der Tiere zu genießen,
Drum halt ich ihn des Todes wert.
"Da Zeus ihn leben lässt, so lass auch ich in leben!"
Versetzt der gute Schach, und winkt, ihn loszugeben.
Der Inquisitor barst vor Wut;
Allein das Hofgesind, zumal die Papageien,
Der Virtuos aus Calekut,
Und die beredte Gänsebrut
Vergötterten in wilden Melodeien
Des Königs Toleranz und Edelmut.
Schweigt, rief der Potentat, so derb zur bunten Herde,
Dass ihr der kalte Schweiß entrann,
Ein Fürst, der nicht verfolgt, ist noch kein Gott der Erde,
Ist weiter nichts als kein Tyrann.
Gottlieb Konrad Pfeffel 1736-1809
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